Wenn Geschichte Form annimmt Drei Burgen neu erlebbar an der Südlichen Weinstraße
Wie sieht eine Burg aus, wenn man sie nicht sehen kann? Neue Tastmodelle an Trifels, Madenburg und Burg Landeck machen die historischen Anlagen für blinde und sehbehinderte Menschen mit den Händen erfahrbar. Gleichzeitig eröffnen sie allen Besucherinnen und Besuchern neue Perspektiven auf die Burgenlandschaft der Südlichen Weinstraße.
Ein Gewinn für Menschen mit und ohne Sehbeeinträchtigung

Für den Trifels in Annweiler am Trifels, die Madenburg in Eschbach und die Burg Landeck in Klingenmünster wurden hochwertige Tastmodelle aus Bronze geschaffen. Sie zeigen die Burgen in ihrem heutigen baulichen Zustand und machen Geschichte im wahrsten Sinne des Wortes begreifbar: Besucherinnen und Besucher können die Anlagen mit den Händen erkunden, ihre Strukturen ertasten und ihre besondere Lage nachvollziehen.
Alle drei Modelle sind mit Beschriftungen in Braille- und Prismenschrift ausgestattet. Damit ermöglichen sie insbesondere blinden und sehbehinderten Menschen einen neuen Zugang zur Burgenlandschaft der Pfalz. Die Tastmodelle des Trifels und der Burg Landeck sind zudem barrierefrei zugänglich und unterfahrbar, sodass sie auch von Menschen im Rollstuhl gut erreicht und genutzt werden können.

Auch sehende Besucherinnen und Besucher gewinnen durch die Modelle eine neue Perspektive. Die Gesamtstruktur und die Lage einer Burg lassen sich in der realen Umgebung oft nur schwer überblicken. Am Tastmodell werden Aufbau und Besonderheiten unmittelbar erfahrbar. Damit sind die Modelle zugleich eine interessante und anschauliche Station bei Gästeführungen.
Von der Drohne zum Tastmodell

Bevor die Modelle aus Bronze entstehen konnten, mussten die Burgen zunächst präzise digital erfasst werden. Die Arbeiten erfolgten im Rahmen des grenzüberschreitenden INTERREG-Projekts „Châteaux Rhénans – Burgen am Oberrhein“, das von Partnern aus Deutschland, Frankreich und der Schweiz getragen wird. Ziel des Projekts ist es, das kulturelle Erbe der Burgenlandschaft am Oberrhein zu bewahren und grenzübergreifend erlebbar zu machen.
Unter der Leitung von Mathieu Koehl übernahm das INSA Strasbourg, eine französische Hochschule für Ingenieurwissenschaften und Architektur, die technische und digitale Umsetzung. Nach vorbereitenden Messungen und dem Setzen von Referenzpunkten fertigte das deutsche Vermessungsunternehmen aeroDCS GmbH bei mehreren Drohnenflügen Tausende hochauflösende Aufnahmen aus unterschiedlichen Blickwinkeln an. Ergänzend erfassten Studierende der INSA mit einem terrestrischer Laserscanner Innenhöfe, Mauern, steile Felsen und weitere Bereiche, die für die Drohne nicht zugänglich waren.
Aus den Aufnahmen und Messdaten erzeugte das Team millimetergenaue Punktwolken mit mehreren hundert Millionen Messpunkten. Nach einer aufwendigen Bereinigung und Zusammenführung wurden die Punkte zu dreidimensionalen Oberflächenmodellen vernetzt und mit Farben und Texturen aus den Originalfotos versehen.
So entstanden realistische digitale Abbilder der drei Burgen. Sie dienen nicht nur als Grundlage für die Tastmodelle, sondern können künftig auch für virtuelle Anwendungen oder digitale Rekonstruktionen genutzt werden.
Handwerk trifft moderne Technik

Mit der Übergabe der 3D-Daten an den Bildhauer Felix Brörken begann der handwerkliche Teil des Projekts. Gemeinsam mit seinem Vater Egbert Brörken hat er europaweit bereits mehr als 250 Stadt- und Architekturmodelle geschaffen.
Aus den digitalen Daten entstanden zunächst maßstabsgetreue 3D-Drucke, die Felix Brörken von Hand weiterbearbeitete. Er verfeinerte die Oberflächen, ergänzte architektonische Details und integrierte taktil erfassbare Beschriftungen in Braille- und Prismenschrift.
Anschließend wurden die Modelle im traditionellen Wachsausschmelzverfahren in Bronze gegossen. Dafür entstanden zunächst Silikonformen und daraus Wachsmodelle, die nochmals von Hand verfeinert wurden. Nach dem Ausschmelzen des Wachses wurde flüssige Bronze in die Hohlformen gegossen.
Zum Abschluss wurden die Modelle gereinigt, geschliffen, patiniert und beschriftet. Das Ergebnis sind präzise, ästhetisch ansprechende und robuste Kunstwerke für den öffentlichen Raum. Sie verbinden moderne Technik mit traditionellem Handwerk.
Drei Burgen, drei Standorte

Die Tastmodelle befinden sich an Orten, an denen sich die Burgen besonders gut erleben lassen:
- Trifels: auf dem Meßplatz in Annweiler am Trifels mit direkter Sichtachse zur Burg
- Burg Landeck: im Innenhof der Burganlage in Klingenmünster
- Madenburg: im Innenhof der Burganlage bei Eschbach
An ihren jeweiligen Standorten laden die Tastmodelle dazu ein, die Burgen auf neue Weise kennenzulernen. Sie zeigen anschaulich, wie Barrierefreiheit kulturelle Erlebnisse bereichert und zusätzliche Zugänge für alle Menschen schafft.
Damit wird Geschichte nicht nur sichtbar, sondern tatsächlich greifbar. Die Tastmodelle eröffnen neue Perspektiven auf drei besondere Burgen und machen die Burgenlandschaft der Südlichen Weinstraße mit den Händen erfahrbar.
